Neuanfang – Warum Du davor keine Angst haben musst

Genug von allem

Ein durchschnittliches Leben bietet Dir ca. 28.000 Tage. Das sind ca. 670.000 Stunden. Menschen, die Experten in einer Sache sind, wie z.B. Schachspielen, haben laut Ericsson et al. (1990) ungefähr 10.000 Stunden (20 Stunden x 50 Wochen x 10 Jahre) in diese Sache investiert. Der Bestseller-Autor Tim Ferriss geht sogar so weit und sagt man kann mit den richtigen Methoden innerhalb von 6 Monaten in jeder Tätigkeit herausragender Experte werden.

Selbst wenn wir mit der vorsichtigen Schätzung gehen, dass es 10.000 Stunden dauert, etwas gut zu lernen, wird sofort klar, dass Dein Leben viel, viel länger ist und das Potenzial bietet, in zig Dingen hervorragend zu werden! Und wenn man dann noch bedenkt, dass man gar nicht immer ein Meister sein muss, um in etwas

  • gut zu sein,
  • etwas Nützliches hervorzubringen
  • (mit anderen) Spaß zu haben oder
  • Geld zu verdienen,

liegt ein Schluss nahe: Für einen Neuanfang ist genug Zeit!

Stell Dir vor Du stehst auf einer Brücke. Unter Dir siehst Du das endlos davonfließende Wasser. „Oh je, all das ist schon verloren!“ denkst Du. Doch dreh Dich um, damit Du das endlos nachfließende Wasser siehst!

Es ist genug Wasser und Zeit da (es sei denn man lebt in Kalifornien)

Die Gründe für einen Neustart mögen so zahlreich sein wie die Sterne am Nachthimmel. Scheiße passiert und wir wünschen uns manchmal, nicht geboren worden zu sein. Das Selbstbewusstsein ist am Boden. Wir sehen nur noch unser Versagen.

Aber das ist schade, denn auch nach der peinlichsten Aktion, dem grandiosesten Scheitern und der schädlichsten Inaktivität ist nichts dauerhaft verloren. Niemand kann Dich zwingen alles hinzuschmeißen oder aber in einer verfahrenen Situation zu verharren. Du hast viele Ressourcen und kannst in Zukunft wieder auf die Beine kommen, wenn Du es Dir erlaubst.

 

Letzte Chance?

Dennoch entschließen sich viele Menschen aus Scham und falschem Pflichtgefühl dazu, auf einem sinkenden Schiff zu bleiben. Dabei ist es nie gut, in verlorene Schlachten noch weiter zu investieren. Die Welt ist groß, und wenn Du Dich umschaust, wirst Du erkennen, dass es für Dich viele Alternativen gibt, oder dass es Dir zumindest möglich ist, sie herzustellen, wenn Du Altes loslässt.

Oft liegt dem Gefühl, „nicht raus zu können“ eine irrationale Überzeugung zugrunde, dass eine bestimmte Aufgabe nur von einem selber erfüllt werden könne, oder das man für das Glück eines anderen Menschen verantwortlich sei. Du bist nicht mit einem „Vertrag“ auf die Welt gekommen, der Dich binden könnte. Und wenn andere Menschen derartiges behaupten, dann könnte es sein, dass sie für ihren einen Vorteil lügen.

Du bist frei und wenn Du Dich entscheidest, einer Sache Deine Zeit zu widmen, ist dies Deine Geschenkgabe. Siehst Du dieses Verhältnis andersrum, also Dich selbst als Werkzeug für eine Aufgabe oder eine Person, ist dies höchst giftig für Dein Selbstbewusstsein, weil es Dich zum Objekt macht.

Die allerwichtigste Hauptregel für ein glückliches, selbstbewusstes Leben ist, dass Du selbst der feste Ursprung Deines Erlebens bist: Deine Perspektive muss bei Dir beginnen, alles soll sich vor Deinem Auge entfalten. Folglich sollen Deine Füße Dich dahin tragen, wohin Du willst, und Deine Hände das tun, was Dir gefällt. Du musst Dich ernähren und entfalten. Jedes Lebewesen tut das gleiche, kümmert sich zuallererst um sich und seine Ziele und gibt dann vom Überfluss ab.

Versuche nicht, Dein Leben durch die Brille einer anderen Person zu sehen und zu führen. Lass Dir nicht einreden, dass Du immer für sie da sein musst. Glaube nicht, dass Du Dich für andere oder eine „heilige Sache“ aufopfern musst, bevor Du selbst versorgt wirst. Und vor allem, folge nie der Annahme, Du hättest nur eine letzte Chance. Dies sind Verzerrungen, die nur unglücklich machen, Dich klein halten und Dich von Deinem eigenen Selbst-Bewusstsein entfremden.

Denkt sie noch an mich? Nein.
Traue Dir, Dich loszureißen. Schau dabei auch mal zurück.

Ersetzbar

Wenn Du Dir dennoch selbst Druck auferlegst, etwa weil Du (Dir) Dinge versprochen hast, oder dass Du irgendetwas „einfach tun musst“, überlege einmal ob es nicht auch anders denkbar ist.

Denn Du bist nicht unersetzbar. Stell Dir vor Du würdest morgen sterben:

  • Die Welt dreht sich weiter
  • Deine Freunde und Familie wären womöglich sehr traurig. Aber nach einigen Monaten oder Jahren werden sie zur üblichen Geschäftigkeit zurückkehren.
  • Deine Arbeit wird mit mehr oder weniger Training ein anderer Kollege ausführen.
  • Dein Vermögen oder Deine Schulden werden aufgeteilt und verwaltet.
  • Deine Wohnung wird ausgeräumt und weitervermietet. Dein Besitz verkauft und verschenkt.
  • Dein Lieblingsbäcker denkt Du seist umgezogen, aber vermisst Dich nicht so sehr wie Du ihn.
  • Dein Partner oder Deine Freundin haben vor Dir gelebt und geliebt, und können es auch nach der Zeit mit Dir.

Menschen und Tiere, die Dich brauchten, werden eine schwere Zeit durchleben, aber auch für sie geht der Weg weiter. Der Schmerz, den Dein Verlust erzeugt, ist temporär. Deine Lücke wird gefüllt werden.

Auch wenn Du manchen Personen in einzigartiger Erinnerung bleiben wirst – die meisten werden Dich vergessen. Das ist OK.

Denkt sie wohl noch an mich? - Nein.
Denkt sie wohl noch an mich? – Nein.

Weil alle Menschen auch ohne Dich zurechtkommen, kannst Du Dir Zeit und Raum für Dich und einen neuen Beginn nehmen, Entscheidungen treffen, die Dein Leben verändern und zur Not alles neu machen. Die Welt dreht sich weiter. Dass Du ersetzbar bist, kann Dich zum Experimentieren ermutigen.

Eine weitere gute Nachricht ist, dass dank Ersetzbarkeit eben auch Deine Wünsche und Bedürfnisse nicht abgeschrieben werden müssen:

  • Jeden erdenkliche Job in jeder Branche ist verfügbar. Sekündlich werden Leute eingestellt und gefeuert. Es ist nie aussichtslos, auch wenn man ggf. zeitweise suboptimale Bedingungen akzeptieren muss.
  • Es gibt hunderte andere Städte nach der Art, wie Du es gewohnt bist. Und Tausende völlig andere, die interessant sein können.
  • andere Länder vervielfachen Deine ohnehin riesige Auswahl.
  • Man lernt überall neue Menschen kennen. Neue Arbeit, neuer Supermarkt, neuer Sportverein, auf Reisen, im Internet, über Bekanntschaften, im Gefängnis, in der Nachbarschaft, wenn man sich dort denn mal ausgiebig umschaut usw…
  • Freundeskreise aufbauen und Partner finden ist eine lernbare Fähigkeit und beinahe unlimitiert. Gesprächigkeit, Offenheit und Attraktivität sind beeinflussbar. Glücklicherweise kann man sogar lernen, Spaß zu haben am Reden.
  • Du bist frei zu tun und zu lassen, was die Welt Dir an immer wieder neuen Gelegenheiten bietet.

Diese Freiheit ist sehr schmackhaft. Zudem gibt es trotz neuen Wegen oft auch eine Möglichkeit zur Rückkehr zu alten Freunden und Bekanntem, wenn sich dies denn für Dich als wünschenswert herausstellt. Manchmal müssen sogar Umwege beschritten werden, um etwas Gewolltes zu bewahren. (Zum Beispiel umziehen, weil man betriebsintern versetzt wurde.)

All dies soll Dir zeigen: Egal worin Du feststeckst, es gibt immer einen Ausweg. Deine Geschichte geht weiter.

So sehr Dir das Bekannte auch Sicherheit schenken mag, es bricht manchmal einfach weg und lässt Dich im Stich. Deshalb ist es gut, Neuanfangs-Optionen zu haben.

So kannst Du einen Neuanfang vorbereiten und erleichtern:

  • Habe mehrere breite Freundeskreise.
  • Bleibe wenn möglich in gutem Kontakt mit Deiner Familie.
  • Spare Geld.
  • Nutze Deine Zeit um neue und alte Fähigkeiten zu polieren, z.B. Sprachen, sozial sein, Reparaturen durchzuführen…
  • Sei neugierig bei Themen wie Verdienstmöglichkeiten, Wohnen und Lebensentwürfen, auch wenn alles gut läuft. Man weiß nie, wann man neu anfangen muss.
  • Habe stets einen Überblick über den Arbeitsmarkt in Deiner Branche.
  • Probiere jeden Tag etwas Neues, das Du noch nie vorher gemacht hast: Mach jemandem auf der Straße ein Kompliment, schreibe einem alten Freund eine Nachricht, Dusche kalt, lies über ein Thema das Dir fremd ist usw.

Wenn Du glaubst es geht auf dem bisherigen Weg nicht weiter, dann wisse, dass Du jederzeit einen neuen durchs Gebüsch bahnen kannst. Nimm einen Augenblick um darüber nachzudenken. Das gibt Dir Hoffnung und Selbstvertrauen.

 

Literatur
Ericsson, K. A., Krampe, R. T., & Tesch-Römer, C. (1993). The role of deliberate practice in the acquisition of expert performance. Psychological review, 100(3), 363.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.