Was ist Selbstbewusstsein?

Was ist Selbstbewusstsein?

Selbstbewusstsein ist in aller Munde. Ich verwende diesen Überbegriff für mehrere verschiedene Aspekte rund um die eigene Person und das Selbst. Selbstbewusstsein umfasst je nach Kontext, in dem es gebraucht wird:

1. Selbstkonzept

Das meint die Überzeugungen und Glaubenssätze, die eine Person (oft unbewusst) über sich selbst hat. Dies kann die eigene Identität im Beruf, die Rolle als Mutter oder Vater ebenso betreffen wie abstrakte Vorstellungen von eigenen Werten, Zielen oder den Eigenschaften der eigenen Person. Das Selbstkonzept ist also die Art, wie wir bewusst oder unbewusst über uns denken und was wir von uns zu wissen glauben.

Diese Informationssammlung im Kopf wird durch jede einzelne Erfahrung und jeden Gedanken bezüglich des Selbst permanent (um)geformt.

2. Selbst-Bewusstsein

Hiermit ist nun speziell der Blick auf das eigene Selbst gemeint. Man kann es sich vorstellen als das bewusste Wahrnehmen des Selbstkonzepts mit seinen Überzeugungen, Eigenschaften und Motiven. Damit wird das eigene Erleben und Verhalten (mehr oder weniger akkurat) ergründet.
In Folge dieser Bestandsaufnahme können passende Entscheidungen getroffen werden. Selbst-Bewusstsein ist eine Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Es gibt Dir Tiefe und inneren Reichtum, von dem Du auch in schweren Zeiten zehren kannst.

Es entsteht aus Selbstbeobachtung und -Analyse.

3. Selbstvertrauen

Dieser Anteil des Selbstbewusstseins ist besonders interessant und wird oft gemeint, wenn von „starkem Selbstbewusstsein“ die Rede ist, da das Selbstvertrauen unser Maßstab dafür ist, was wir uns selbst zutrauen. Es ist wie ein Multiplikator. Zwar kann man in etwas gut sein trotz wenig Selbstvertrauen. Leider führt dies dazu, dass wir dann weniger gut sind, als wir sein könnten! Zweifel und Zögern ziehen Kapazitäten und lenken uns von der eigentlichen Aufgabe ab. Selbstzweifel sind wie eine angezogene Handbremse beim Autofahren.
Verwandt mit dem Selbstvertrauen ist die Selbstwirksameitserwartung. Diese ist in der Forschung ein bewährter Prädiktor für Zufriedenheit und funktionales Verhalten. Also etwas sehr gutes. Sie kann hoch oder niedrig ausgeprägt sein. Entsprechend bewirkt eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung, dass wir glauben, wir können die vor uns liegende Aufgabe erfolgreich bewältigen (und zwar dank unserer eigenen Fähigkeiten).
Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeitserwartung werden durch das erfolgreiche Lösen von Problemen gesteigert. Ein hohes Selbstvertrauen ist wie eine vollständig gelöste Handbremse. Du kannst optimal funktionieren und Deine Ziele sehr effektiv verfolgen.

Es ist nur begrenzt möglich, mit Nachdenken direkt ans Selbstvertrauen anzuknüpfen. Besonders empfiehlt sich hingegen die gute alte Konfrontation und Übung am reellen Problem. Also lieber tatsächlich Fußball trainieren als sich 10 mal vor dem Spiegel zu sagen dass man ein toller Spieler ist!

4. Selbstwertgefühl

Ein hohes Selbstwertgefühl ist angehnehm. Eines der angenehmsten Gefühle überhaupt! Deswegen jagen wir ihm nach. Allerdings kennen wir alle Leute, denen ihre gefühlte Großartigkeit zu Kopfe gestiegen ist. Solche Menschen können anstrengend sein und sich selbst und anderen durch ihr Verhalten schaden. Es gibt also eine optimale Obergrenze, über die man hinausschießen kann, mit negativen Folgen.
Dazu sei gesagt, dass dies für die Wenigsten ein Problem sein muss. Wenn man sich um ein flexibles Selbstwertgefühl bemüht, also sich seiner Stärken und Schwächen bewusst ist und über beides lachen kann, ist das auch für andere angenehm. Schwierig wird es erst, wenn wir es mit einem rigiden, zerbrechlichen hohen Selbstwertgefühl (Vgl. Kernis, 2003) zu tun haben. Hier neigt der Betroffene zu heftiger Verteidigung und Gegenangriffen, wenn er herausgefordert ist. Er hat seine Schwächen noch nicht funktional in seine Persönlichkeit integrieren können und muss seine Unsicherheit decken.

Das Selbstwertgefühl erfüllt vermutlich eine weitere Funktion: Es lässt uns unseren Stand in der Gemeinschaft wie ein Thermometer spüren. Ein niedriges Selbstwertgefühl signalisiert, dass wir uns anstrengen müssen, um nicht von der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden ( vgl. Sociometer-Theory bei Leary & Baumeister, 2000). Es zeigt uns, dass wir „nützlicher“ werden müssen. Aber hier liegt der Hase im Pfeffer: Die meisten Menschen haben ein niedriges Selbstwertgefühl, obwohl sie recht bemerkenswerte Leistungen für die Gesellschaft erbringen. Sie sind dadurch leicht zu kontrollieren und begehren nicht auf. Das Selbstwertgefühl hat eine enorme Korrelation mit dem sozialen Status und eröffnet Dir neue Dimensionen in der Gesellschaft. Es zieht Macht und Freiheit an.

Es wird ebenso wie Status durch wertvolle Beiträge zur Gesellschaft, die einem Ansehen bringen, erlangt. Wenn die Möglichkeiten dazu begrenzt scheinen oder die Karten gegen einen gestapelt sind, bleibt eine weitere Möglichkeit:
Man verhält sich einfach so als wäre man wertvoll. Das Gefühl folgt dann auf den Fuß. Ganz schön schlau!

Kein Selbstzweifel: Dieser Hund fühlt sich gut

Ich möchte zuletzt verdeutlichen, dass Selbstbewusstsein (als Überbegriff) mit seinen oben dargestellten Facetten zwei Entstehungsorte hat:

  1. Es kann zum einen durch sorgfältiges und produktives Hinterfragen des Selbst gesteigert werden. Dies eröffnet einem den Weg zu neuen Gedankengängen, und in Folge, neuen Bewertungen der Realität. Das ist sozusagen die Herangehensweise eines Mönchs, der Erfüllung in seinem Inneren sucht und findet.
  2. Zum anderen kann es durch geschicktes Anpassen an die äußeren Anforderungen oder aber der Veränderung dieser Äußerlichkeiten erlangt werden. Man lernt und übt, bis man gut genug ist um ein Problem in der Außenwelt zu lösen. Man schlägt sich tapfer und wird mit Ruhm ausgezeichnet. Sozusagen der Weg eines Kriegers, der sich dem Kampf stellt.

Beide Wege sind legitim, spannend und – das ist die Hauptsache – wirkungsvoll!

Damit ist auch eine weitere Frage geklärt: Selbstbewusstsein ist Ursache für ein erfolgreiches und erfülltes Leben – und Folge eines solchen zugleich! An dieser Wechselwirkung packen wir an. Deshalb wirst Du auf meinen Seiten beide Strategien kennen und nutzen lernen.

 

Literatur
Kernis, M. H. (2003). Toward a conceptualization of optimal self-esteem. Psychological inquiry, 14(1), 1-26.
Leary, M. R., & Baumeister, R. F. (2000). The nature and function of self-esteem: Sociometer theory. Advances in experimental social psychology, 32, 1-62.